Re: ÖM Senioren
Autor:
Eugen Brenner (129.27.146.---)
Datum: 05. Oktober 2010 11:53
Zur Österreichischen Meisterschaft Senioren 2010
Am 2. und 3. Oktober wurde die bisher größte Meisterschaft in Österreich ausgetragen. 291 Starts an 2 Tagen in 31 Startklassen. Etwa 14,5 Stunden reine Tanz-Zeit an diesen beiden Tagen. Und das bei max. 7 Paaren in jeder Runde. Etwa 2 Stunden länger, wenn maximal 6 Paare auf der Fläche zugelassen werden, wobei nicht berücksichtigt ist, dass dann jeweils eine weitere Runde notwendig wäre, wenn sich wegen Punktegleichheit 7 Paare für das Finale qualifizieren. Dann wären es mindestens 18 Stunden an 2 Tagen.
Reine Tanz-Zeit.
Und (gefordertes) Eintanzen auf der Fläche, manchmal notwendige Auswertungspausen, weil die Paare ja beide Disziplinen tanzen wollen, Siegerehrungen – die Medaillen und Pokale sollen ja auch noch verteilt werden. Mit mindestens 2 WR-Teams, natürlich ohne Figurenkommission, auf 400 m2 Fläche, jeder tanzt zwischen 19 und 22 Uhr am Samstag und zwischen 15 und 18 Uhr am Sonntag. Auf die Siegerehrung können wir nicht warten, es ist ja so weit, wir müssen noch nach Hause fahren.
Und am besten Ausländer als Wertungsrichter (die sich jedes Paar selber aussuchen kann) und eine neue Halle und große Garderoben und ein privates WC für jeden und am dann noch ein Team Masseure. Und viele Zuschauer und Sponsoren und überhaupt dann noch…
Und es tanzen ohnehin alle besser wie der Weltmeister (der übrigens mit den 200 m2 „Briefmarken“ sehr gut umgehen kann, auch mit 6 anderen Paaren auf der Fläche).
Märchenland. Österreich lebe hoch. Operettenstaat hieß das früher.
Kurze Gegenrechnung.
Wir hatten etwa 14,5 Stunden gespielte Musik in den Turnierrunden, 29 Startklassen mit Siegerehrungen an zwei Tagen, einmal von 14 bis 24 Uhr, und einmal von 11 bis 19:30. Also in 18,5 Stunden. Eingeschlossen die 6 Siegerehrungen (damit man nicht so lange warten muss), die Eintanz-Pausen – zugegeben wenige – und die Möglichkeit, dass sämtliche Sieger und Aufsteiger mittanzen. Wir sind alle überzeugt, dass man das nicht besser machen kann.
Und die Kostenseite.
Der ORF überträgt keine „Seniorenbewerbe“. Sogar in Schladming, wo 5 von 6 WM-Finalisten am Start waren, kam man über einen schüchternen Seitenblick nicht hinaus, es wurde ein – in diesem Vergleich bestenfalls zweitrangiges – IDSF-Turnier übertragen. Der ÖTSV unterstützt jede Österreichische Meisterschaft mit 180.- pro Tag. Die darüber hinaus speziell für Meisterschaften vom zuständigen Ministerium gewährten Zuschüsse betragen zwischen 500.- und 680.- für alle Meisterschaften, mit einer Ausnahme: für die ÖM Sen sind es genau 0,00. In Worten: NULL Komma NULL. Senioren werden vom Staat nicht gefördert. Bleibt also für eine zweitägige Veranstaltung 360.- Basisförderung. Und natürlich die vielen Zuschauer, die dank intensiver Werbung eine „Österreichische Seniorenmeisterschaft“ ansehen kommen. In Konkurrenz zu World Masters, WM und Austrian Open. Ist ja noch nicht einmal eine Staatsmeisterschaft. Oder man macht gar keine Werbung, das ist unter allen Umständen billiger. Irgendwo dazwischen liegt es. Am Ende werden sich die Tänzer wohl die Fans selber mitnehmen müssen.
Dann muss man die Halle finanzieren. 250-300m2 Tanzfläche (die durchschnittliche Trainingsfläche in Österreich scheint so groß zu sein, sonst würden die Paare ja evtl. mit 200m2 umgehen können – würde mich bloß interessieren, wie die Post so eine „Briefmarke“ transportiert?) und den Platz für eine entsprechende Zuseheranzahl, macht in Summe mindestens 600m2. Die gibt es ja gratis und überall in beliebiger Anzahl. Ist also kein Problem.
2 Tage Wertungsrichter – die sind ja so arm mit der langen Dauer, also mindestens 2 Teams, zuzüglich Figurenkommission, die aber nur da sein soll, aber nicht schauen…, zuzüglich Übernachtung für alle Angereisten, dann noch Karl Weissl und Andy May – mit Team und Anreise und Übernachtung. Und einen Goldesel. Gibt es ohnehin überall, man braucht ja nur den Lottoschein mit 6 Richtigen ausfüllen. Die paar Kreuzerl macht jeder Wertungsrichter in jedem Tanz in jedem Semifinale. Alles kein Problem.
Zum Ausgleich dafür wird man beschimpft, dass die Garderoben zu klein seien – oder doch groß genug und zumindest teilweise bereits neu renoviert; dass die Halle schäbig sei – oder doch groß genug nach allen Vorschriften und im Interesse der Tänzer schön hergerichtet; dass am WC zu warten sei – aber dass zumindest bei Turnierende noch immer ausreichend Papier da ist, denn die Sauerei machen ja ganz sicher die Veranstalter selber. Dass die Startnummern nicht rechtzeitig da sind – oder dass man sie doch nicht zurückbekommt trotz mehrfachen Nachfragen und dass sie dann „zurechtgeschnitten“ sind – auch Startnummern, die ganz offensichtlich nicht für eine einmalige Verwendung gedacht sind? Es lebe die Wegwerfstartnummer. Und dass man trotz engstem Zeitplan und dem Bedürfnis für eine zügige Abwicklung nicht zum Eintanzen auf die Fläche kann, obwohl ein eigener Eintanz-Raum zur Verfügung steht? Am Ende bleiben 2 Hemden, 3 Sakkos, 5 Trainingsjacken und etwa ein Duzend Handtücher samt Schuhbürsten etc. über, die aber niemand abzugehen scheinen? Ich habe niemals ein so schlimmes Schülerturnier erlebt. Auch keines der allgemeinen Klasse. Die Zuseher haben sich auch dafür bedankt, dass die nassen Handtücher und dreckigen Schuhbürsten praktisch im Bierglas gelandet sind. Und die Veranstalter bedanken sich für die liebevolle Unterstützung durch die Paare beim Arrangieren der Preise. O-Ton: „da ist jetzt kein Platz, da müssen wir jetzt filmen“. Ein paar Minuten sinnloses Video verbessert die Qualität einer Veranstaltung sicher mehr als ein paar Preise.
Ach ja, die Musik. Ganz schlimm. Provinziell. Und Andy May kann das überhaupt viel besser. Es kann nur einen geben.
Wir haben jeden einzelnen Titel vorher angehört. Und ausgezählt. Jedes Tempo war in Ordnung – übrigens haben sich die Tänzer auch nicht beschwert. Eine „viel zu langsame“ Rumba habe ich während des Turniers ausgezählt. 28 Takte pro Minute. Und alle Paare im Takt. Auch die „schwerhörigen“ Senioren. Erstaunlicherweise war das bei allen diesen problematischen Titeln der Fall. Wir haben zudem versucht, die Musik der Startklasse anzupassen, und den höherklassigen Paaren auch Anreiz zur Interpretation zu bieten. 265 verschiedene Titel in insgesamt 423 Tänzen. Und Eintanzen. Und Siegerehrungen. Braucht man ja nur jemand eine CD in die Hand drücken, geht sicher alles problemlos. Wir haben zugegebenermaßen die Saalanlage vorher nicht extra ausprobiert, immerhin hat sie bereits bei vielen Turnieren bis hin zu Mitteleuropa-Meisterschaften ihren Dienst geleistet. Und die war bei einigen wenigen Titeln überfordert. Zudem haben wir so einen schrecklich altmodischen CD-Spieler verwendet, der nicht wirklich immer verziehen hat, dass sich Paare direkt daneben hüpfend aufwärmen oder ohne Rücksicht an den Tisch laufen – selber tanzen sie ja ohnehin gerade nicht, da spielt das keine Rolle. Es war übrigens nur ein Titel dabei, der beim Austrian Open oder in Schladming nicht gespielt worden wäre, so viele CDs gibt es auch wieder nicht. Und ausprobieren, wie es in einer vollen Halle mit Applaus klingt, kann man halt nicht vorher. Muss man riskieren. Kann danebengehen. Auch wenn Turniertänzer selber die Musik spielen und wissen was notwendig ist, kann das danebengehen und der Einsatz schlecht zu hören sein. Es hat auch einmal ein in Österreich sehr populärer Fernsehmoderator vor laufenden Kameras Kapfenberg an die Mur verlegt. Hat er sich auch gefreut darüber. Ich mich auch, wie ich angeschnauzt wurde. VIEL ZU LEISE! Könnte man auch normal sagen. Zu dem Zeitpunkt hat man sich ja noch verstehen können. Dafür tun jetzt allen die Ohren weh. Ist ja nicht so schlimm. Meistens habe ich ohnehin Oropax dabei. Speziell wenn ich als Wertungsrichter vor einem Lautsprecher stehen darf.
Abschließend bleibt mir zu erwähnen, dass ich mich bei den positiven, persönlichen Rückmeldungen ausdrücklich bedanke. Diese haben mir in Summe bestätigt, dass wir ein gutes Turnier organisiert haben mit wirklich ausreichend großer Tanzfläche, Platz für Zuseher und guter Stimmung. Manches hätte besser sein können, wir werden uns die seriöse Kritik zu Herzen nehmen. Eine perfekte Halle können wir leider aber nicht bauen. Dafür kommen wir finanziell halbwegs über die Runden – Arbeitszeit können wir aber keine Verrechnen, keine Putzfrau würde dafür einen Besen in die Hand nehmen. Alles „ehrenamtlich“. Ist allen, die da schreiben, auch klar, dass es jemand geben muss, der trotz dieser „seriösen Diskussionsbeiträge“ die ganze Arbeit macht? Und dass Tanzsport ohne wenigstens ein paar begeisterte Funktionäre nicht existieren kann? Irgendwann wird sich niemand mehr diese Plackerei antun wollen. Wozu auch. Passt ja ohnehin nichts. Gibt es halt keine Meisterschaft. Tut den „Funktionären“ nicht weh. Ist ja auch nicht wirklich lustig, 15 Stunden zu werten oder 20 Stunden Turnier zu leiten und für alles verantwortlich zu sein. Und wegen ein paar nicht ganz so gut klingender Titel an den Pranger gestellt zu werden. Er darf ja ohnehin dafür das Mikro in der Hand halten. Österreich feiert seine Tänzer.
Negative Kommentare habe ich persönlich keine erhalten, wo ich dann hätte Stellung nehmen können. Das passiert nur in anonymen Foren. Teilweise mit Stellungnahmen, die nahezu wörtlich auch im Jahr davor geschrieben waren. Natürlich auch anonym. Ich unterschreibe das, wie ich das auch schon bei der ÖM D, C, B Latein 2009 getan habe. Und verschweige lediglich den Namen des Paares, das mir erklärt hat, dass es eine Zumutung sei, dass 7 Paare auf so einer Fläche tanzen müssten, die Nummer zurückgegeben hat und das Startbuch wieder mitgenommen hat. Vor dem Start. Ganz tapfer. Ist mir in 35 Jahren Tanzsport noch nicht passiert. Wenn ein Paar mit so einer Fläche nicht umgehen kann, kann es auch nicht gut sein. Dazu stehe ich, auch wenn jetzt in den diversen Foren – natürlich anonym – das heftigst diskutiert wird. Die Aufregung war auch immer vor dem Tanzen – noch einmal: von denen, die getanzt hatten, hat sich – zumindest bei mir – niemand beschwert. Nur vorher. Reine Geschwindigkeit hat mit Dynamik nichts zu tun. Und mit Qualität noch weniger. Das wird bei JEDER Wertungsrichterschulung detailliert erläutert. Auf dem Sportplatz kann man beliebig lange beliebig schnell sein. Und die Zeit stoppen. Ist auch eine Form von Qualität. Ganz sicher mit extremem künstlerischem Ausdruck und enormer Gestaltungsvielfalt. Aber es gab doch eine ganze Reihe von Paaren, die wirklich schön getanzt haben, speziell die Sen II A und S-Klasse waren tänzerisch und von der Stimmung her ganz toll. Danke dafür. Schade dass es die meisten Paare nicht miterlebt haben.
Wir haben einige hundert Stunden Arbeit investiert, viel Aufwand getrieben und versucht, ein schönes Turnier mit einer netten Halle mit einer (von lieben Tanzkollegen nachgemessenen) 200m2 „Briefmarke“ an Parkett bester Tanzqualität, großzügigen Garderoben, Eintanz-Raum, guter Stimmung und schönen Preisen zu gestalten. Und auch noch Zuschauer hereinzubringen. Dazu ein gutes Catering, Hotels in Reichweite, zentrale Lage auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und trotzdem finanzierbar. Ohne Startgeld. Mit geringer Förderung, kaum Sponsoren, und trotzdem (hoffentlich) ohne Defizit. Und halbwegs realistischem Zeitplan und straffer Durchführung. Bei 291 Starts, allen mittanzenden Siegern und Aufsteigern, obwohl Paare in beiden Disziplinen starten. Soll es wer zuerst besser machen. Mit den gleichen Ressourceneinschränkungen und Randbedingungen. Viel Glück dazu. Ich überlege mir jedenfalls, ob ich noch einmal so ein Turnier mache.
Eugen Brenner